Noch bevor mein Wecker läutet werde ich wach und höre schon die ersten Stimmen, weinen oder Kinderlachen. Ich schaue auf die Uhr: kurz vor 6. Ein bisschen bleib ich noch liegen, dann raus aus den Federn und los geht’s… „Bom dia crianças“ „Bom dia“ schallt es aus allen Ecken leise zurück… Während die Erzieherinnen bereits das Haus auf Vordermann bringen und durchputzen rufe ich Guilherme. Er trödelt mal wieder vor sich hin und ich animiere ihn sich zu beeilen da um 7 Uhr die Schule anfängt. Ich nehme die Hand des 8 jährigen und so laufen wir bis zu seiner Schule die nicht weit vom Heim entfernt ist. Noch schnell fest drücken, einen schönen Schultag wünschen und ich kehre wieder zurück. Da unsere Köchin den ganzen Mai frei hat gehe ich gleich in die Küche und bereite das Frühstück für die restliche Bande und den Erzieherinnen vor. Heute gibt es wieder – neben Weißbrot, selbstgemachten Käse, Mortadella, Marmelade und Kuchen – eine frische Mamão (eine größere Art Papaya) die eine Erzieherin aus ihrem Garten mitgenommen hat und kleine Bananen aus dem Garten des Orfanato. Müsli und Haferflocken wurden auf meinen Wunsch hin ergänzt – zur Freude der Kinder, denen das zu schmecken scheint. Die Kinder trudeln ein, es wird lebendig und endlich erwachen auch bei mir – nach einer Tasse typisch starken „Cafézinho“ die Lebensgeister. Nach dem Frühstück spüle ich noch schnell das Geschirr und hänge die Wäsche auf. Seit über einem Monat haben wir 3 „Neuzugänge“. Maiki, 1 Jahr, sein Bruder Eminem, fast 3 Jahre und der kleine Luis mit 2 Jahren. Ich sag euch, diese 3 halten uns ganz schön auf Trab. Da viele Kids mit sehr wenig Erziehung zu uns kommen ist vor allem die Anfangszeit intensiv. Eine Sekunde nicht aufgepasst und wieder sind neue Bisswunden, Kratzer und ähnliche Verletzungen zu verzeichnen. Bei Luis, der gerne auf oder unter statt am Tisch sitzt und alles essen will, was ihm in die Quere kommt kann ich mir ein Bild machen, wie er wohl zu Hause gelebt hat, vor allem nachdem ich schon einige Familienverhältnisse hier kennen gelernt habe…
Nun aber zurück zu meinem Vormittag im Heim. Jetzt, in der Trockenzeit (kaum Regen bis September) sind wir viel draußen. Ich helfe mit, die Anlage sauber zu halten und reche Laub während die Kinder spielen. Später dann Englischunterricht mit Arnaldo, der erst am Nachmittag Schule hat. Wir wiederholen Vokabeln und Sätze die wir im letzten Unterricht gelernt haben. Danach ein Puzzel auf Englisch – Portugiesisch und wenn noch Zeit bleibt – als Belohnung – spielen wir „UNO“, wobei meine Gewinnquote recht miserabel ausschaut (wahrscheinlich spielt er es deshalb so gerne mit mir). Um 11 Uhr hole ich Guilherme von der Schule ab. Einige Kinder haben am Vormittag, andere am Nachmittag Unterricht aber zwischen 11 und 12 sind alle im Heim. Deshalb gibt es schon um kurz nach 11 Uhr Mittagessen, welches standardmäßig aus Reis, Bohnen, Fleisch und Salat besteht und meist noch mit ein oder zwei Zusatzgerichten wie z. B. Mandioca (ein Wurzelgemüse, ähnlich wie unsere Kartoffel) ergänzt wird.
Um kurz vor 12 Uhr bringe ich Arnaldo zum Schulbus. Die Mittagshitze treibt mir den Schweiß auf die Stirn und ich hoffe auf einen Platz im Schatten um das Warten besser zu ertragen… Wieder zurück, wird der Essensaal von den Tias und den älteren Kids bereits geputzt. Ich schnappe mir die 3 Kleinsten, bade und wickele sie wenn nötig und lege sie zum Mittagsschlaf. Nach den üblichen Protesten legt sich eine angenehme Ruhe über das Orfanato und lässt Raum für Sachen, die liegen geblieben sind: Wäsche legen, neue Wäsche waschen, Portugiesisch lernen, lesen, schreiben, im Team die Neuheiten, Auffälligkeiten, Vorfälle besprechen… eines ist jedenfalls sicher: lange hält die Ruhe nicht an… ;-)
Jeden Tag um 15:00 Uhr gibt es ein kleines „Lunchino“. Es wird Obst, Kuchen, Kekse, Süßes, Saueres oder andere Leckereien aufgetischt. Danach ist spielen angesagt. Um kurz vor 17:00 Uhr mach ich mich wieder auf den Weg um Arnaldo vom Bus abzuholen. Um diese Uhrzeit taucht die Abendsonne die Umgebung bereits in wunderbares Licht und kündigt den Einbruch der Dunkelheit an… Noch vor 18:00 Uhr siegt die Nacht über den Tag. Wieder zu Hause im Orfanato helfe ich mit, die Kleinen zu baden. Ein kühles Bad nach einem heißen Tag ist eine Wohltat… Um 18:00 Uhr ist Schichtwechsel, d. h. die zwei Tias, die gearbeitet haben werden von den anderen zwei abgelöst. Jetzt sind alle Kinder wieder versammelt und dementsprechend steigt der Geräuschpegel sprunghaft an. Zwischen 18:30 und 19:30 Uhr gibt es Abendessen (das gleiche wie zum Mittagessen) und danach wird es noch mal richtig laut, es wird getobt, geschrien, gelacht, geweint, gestritten und geherzt… Mit den Älteren geh ich abends noch ab und zu ein paar Runden spazieren oder wir legen Musik auf und es wird ausgelassen getanzt. Für Musik und tanzen sind die Kinder immer zu begeistern… Wenn um 21:00 Uhr nach und nach alle im Bett sind und eine friedliche Ruhe das Orfanato überströmt, genieße ich die Zeit für mich, lese, schreibe, betrachte den Sternenhimmel oder ratsche noch ein bisschen mit den Tias. Spätestens um 23:00 Uhr ist auch bei mir die Energie raus und mit dem Wissen, dass die Kids morgen um 6 Uhr wieder aufdrehen freue ich mich auf mein Bett…
Das war ein „Standardtag“. Mit Kindern ist allerdings jeder Tag anders und sehr dynamisch. Seit Mitte April hab ich etwas mehr Luft, da eine Erzieherin vom Mutterschutz zurückgekommen ist. Wir sind also mit mir zu dritt. Den ganzen Mai hatte unsere Köchin Urlaub also hat eine der beiden Erzieherinnen diese Rolle übernommen. Als dann auch noch ein Kind mit Lungenentzündung fast eine Woche im Krankenhaus lag und eine Tia Tag und Nacht bei ihm war hielt ich im Heim die Stellung und war somit im Dauereinsatz. Im Juni hat eine Erzieherin Urlaub und ich werde ihre Schicht übernehmen… Da ich die einzige Tia bin, die auch hier wohnt kommt es schon mal vor, dass Kids weinend vor meiner Türe sitzen und „Mãe“ also „Mama“ rufen… „Heute nicht im Einsatz“ oder gar „Wochenende“ gibt es seit meiner Ankunft im Heim kaum…
Wenn möglich und es die Umstände zulassen bin ich zweimal die Woche im Schulungszentrum bzw. in der Verwaltung von ADESTEC. Hier checke ich meine Emails, arbeite mit am SMC-Projekt, wir besuchen die Familien, ich berichte Soão und dem Padre was derzeit im Orfanato los ist, informiere über Reparaturbedarf und schlage eventuelle Verbesserungen oder kleine Alltagserleichterungen vor die im Heim von Nutzen sein könnten… So gibt es jetzt auch warmes Wasser (die vorbildliche Solaranlage auf dem Dach war über Monate kaputt aber die Leitung wusste nichts davon…nach ewigem hin und her incl. Hausflutungen läuft sie nun seit März), es wurde eine Nähmaschine organisiert und die Erzieherinnen müssen die kaputten Kleider nicht mehr mit der Hand nähen, für die Handtücher gibt es jetzt Hacken an der Wand, die von Siemens freundlicherweise zur Verfügung gestellten Dot-it´s bringen nun Licht ins Dunkel bei Stromausfall usw…
Außerdem erhalte ich Einblick in die Finanzbuchhaltung, Politik und Organisation einer NGO. Wir sammeln Ideen, erarbeiten Projektvorschläge für eine mögliche Neuausrichtung und Angebotserweiterung des Schulungszentrums und bewerben uns damit bei einer Ausschreibung einer brasilianischen Firma die soziale Projekte unterstützt… Und dann hab ich noch Ideen im Kopf die ich noch gerne umsetzen möchte. Derzeit alles noch nicht konkret oder in der Anfangsphase. Näheres, wenn die Projekte laufen…
Das war ein Einblick in meine Arbeit. Natürlich lasse ich es mir nicht nehmen die zahlreichen Einladungen anzunehmen und somit Land, Leute und Kultur besser kennen zu lernen. Über Ostern wurde ich von einer Familie für 10 Tage in den Süden Brasiliens eingeladen. Dort habe ich brasilianische Gastfreundschaft, Familienbesuche (Rekord liegt bei 7 an einem Tag) und eine ganz andere landschaftliche Seite Brasiliens kennen gelernt.
Hier in Sinop könnte ich mich vor allem am Wochenende zweiteilen, um alle Einladungen anzunehmen. Im Festefeiern und im nullkommanix ein „Churrasco“ also ein Grillfest mit Unmengen Fleisch und unzähligen Leuten zu organisieren, da sind die Brasilianer einfach Weltklasse. Mit einer Gelassenheit, die ansteckend ist. Dabei sind die Einladungen sehr vielseitig: von einer Einladung eines brasiliansich-japanischen Paares zum Sauerkraut essen bis hin zum Beachvolleyball spielen einer Studentengruppe mit anschließendem Abendessen und Tanzunterricht ist alles dabei… Da das Orfanato etwas außerhalb der Stadt ist bleibe ich oft auch bei den Gastgebern übernacht. Ich schlafe in drahtigen Betten oder draußen, unterm Sternenhimmel. Manchmal fühle ich mich dann im wahrsten Sinne des Wortes wirklich wie von einem anderen Stern, wenn ich früh morgens, nach einer Nacht mit zuviel Caipirinha und zu wenig Schlaf zum Bäcker nebenan mitgeschleppt werde und ich mitbekomme wie sie sich über mich unterhalten: „ja, stell dir vor die ist aus Deutschland und sie arbeitet hier im Orfanato. Heute hat sie bei uns übernachtet… sonst fährt sie mit dem Fahrrad in die Stadt... Nein, alles versteht sie noch nicht aber sie lernt Portugiesisch…“ ähhmm, ich glaub, ich versteh schon viel mehr als die denken… ;-)) Nach Sinop verirrt sich eben selten ein Ausländer. Wohl auch deshalb bin ich schon zu einem Radiointerview eingeladen…
Wenn die Leute hören, dass ich aus Deutschland bin, habe ich oft mit denselben Vorurteilen zu kämpfen und mir werden immer dieselben Fragen gestellt, „Dort ist es kalt, gell?“ „Was gefällt dir am Besten hier?“ „Die Deutschen sind doch ernst und verschlossen“ und sowieso denken einige, wir laufen Tag ein Tag aus mit Lederhosen, Dirndl und einer großen Maß Bier in der Hand rum. Ob ich denn das Oktoberfest in Blumenau kenne? Und ob es hier recht anders ist als in Deutschland? Ja, ist es. Es macht mir aber auch Spaß zu erklären, dass es bei uns keine Trocken- oder Regenzeit gibt, dass es Zeitverschiebung auf der Erde gibt und es bei uns im Sommer länger hell ist als im Winter, dass wir nicht jeden Tag Reis und Bohnen essen „aber, was esst ihr denn dann?“, dass bei uns keine Mangobäume, Bananenstauden oder Kokosnusspalmen wachsen, dass ich von Brasilien nach Deutschland nicht mit dem Bus reisen kann, dass wir keine Elektrozäune um unsere Häuser brauchen und viele viele andere Sachen… so ein Auslandsaufenthalt ist eben auch ein Austausch – ich lerne viel Neues und aufgeschlossenen Menschen kann auch ich was mitgeben...
Nach über 4 Monaten fühle ich mich richtig angekommen und wohl. Vieles, was vor allem am Anfang auf mich befremdlich gewirkt hat ist nun vertraut. Und als ich an einem Tag nach klagenden und negativen Emails aus Deutschland auch ein bisschen niedergeschlagen ins Heim zurückgekehrt bin hab ich mit Erstaunen festgestellt, dass diejenigen, die wenig Perspektive im Leben haben und auf keinen familiären Rückhalt vertrauen können, dass genau die es waren, die mich mit ihrer Leichtigkeit und ihrer Freude zum Lachen gebracht haben… Schön, dachte ich, wirklich schön wo ich gerade bin. Von diesen Kindern kann ich noch viel lernen…
Ich sende euch ein Stück dieser Leichtigkeit, Sonnenschein und die liebsten Grüße aus hot Sinop
Verena
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IM HEIM







Geburtstag feiern im Orfanato
SMC-PROJEKT: HAUSBAU, RENOVIERUNG & UNTERSTÜTZUNG
BEDÜRFTIGER FAMILIEN




AUF ZUM FLUß
LAND, LEUTE & KULTUR
Festa bei Aurea

Caipirinha machen beherrsche ich schon sehr gut :-)
Tanzstunden
...und so sieht das dann auf dem Feste aus...
Marli, Aurea & ich: auf zum nächsten Fest...
...hier noch früh am Abend. Je später, desto voller...
Großes Event derzeit: Messe und Show mit allem was dazugehört & ganz Sinop ist anwesend...
Liebe Verena,
AntwortenLöschenwas für ein toller Bericht! Die Zeit ist sehr schnell vergangen. Wir merken, dass du eine sehr gute Arbeit in Brasilien geleistet hast. Sehr schön. Wir warten auf Dich in Deutschland. Liebe Grüße aus Nürnberg. Rossemary
Schöner Bericht
AntwortenLöschendanke
Georg